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Norbert Reck

Erinnerung im Land der Täter

Auschwitz-Gedenken zwischen Pädagogisierung und Spurensuche

Vom Autor überarbeitete Fassung des Vortrages in der Seidl-Villa, München, am 17.11.2003

INHALT:

Gelegentlich hört man auch von durchaus progressiven Menschen die Meinung: "NS-Auseinandersetzung? Gibt es da noch irgendetwas Neues zu sagen, ist das nicht alles längst erledigt?" Und diejenigen, die sich "immer noch" mit der Nazi-Geschichte und dem Holocaust beschäftigen, mühen sich aufzuzählen, was noch immer nicht "aufgearbeitet" oder nicht einmal in Ansätzen verstanden worden ist von dieser Geschichte.

In jüngerer Zeit scheint es jedoch wieder deutlicher ins allgemeine Bewusstsein zu rücken, dass wir mit dieser Auseinandersetzung noch nicht allzu weit gekommen sind. Mit den Namen Walser, Möllemann und Hohmann verbinden sich Zeiten gesellschaftlicher Aufgeregtheit, die erkennen lassen, dass es noch nicht einmal ein gesellschaftliches Wissen davon gibt, was etwa antisemitisch ist und was nicht. Also gerade dort, wo es um ein adäquates Reagieren auf revanchistische, ressentimentgeladene oder judenfeindliche Provokationen geht, findet sich die Mehrheit der Gesellschaft in einer umfassenden Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit wieder. Sogenannte Experten werden befragt, in Talkshows wird alles aufs unsäglichste breitgetreten, "die Politik" erwägt personelle Konsequenzen - aber zum wirklichen Lernen und besseren Verstehen kommt es nicht. Das, was über lange Jahre hin in linken und kritischen Gruppen diskutiert und erforscht wurde, ist also offenbar in einer Enklave geblieben, auf bestimmte Zirkel beschränkt. Es ist nicht ins Zentrum gesellschaftlicher Vernunft hineingelangt. Aber für die Linke darf es eigentlich nicht genügen, dass ihre Gedanken einfach links sind und links bleiben. Besonders bei den Überlegungen zur NS-Zeit darf man sich nicht damit abfinden, nur die eigenen Binnendiskurse fortzuspinnen und sich - in vorauseilender Selbstbescheidung - mit der eigenen Wirkungslosigkeit abzufinden.

Von dieser Beobachtung aus möchte ich gerne die Leitfrage für heute Abend formulieren: Wie weit sind wir in diesem Land in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, insbesondere mit dem Holocaust, gekommen? Sind überhaupt schon gesellschaftlich relevante Einsichten und Ergebnisse erreicht worden? Kann man sich auf eine echte demokratische Basis dieser Gesellschaft verlassen, wenn die Herren Hohmann und Günzel versichern, hinter ihnen stünde in Wahrheit die Mehrheit der Deutschen? Natürlich beeilen sich die Kommentatoren und Parteienvertreter zu sagen, dass das überhaupt nicht stimme, aber manchmal klingen diese beflissenen Statements doch eher wie Beschwörungen, dass es nicht so sein möge.

Man kann die Frage auch noch anders stellen: Ist etwas schiefgegangen mit dem Gedenken, wenn die Resultate so unsicher sind, wenn man sich auf so wenig verlassen kann? Für meine Antwort auf diese Frage möchte ich gerne den Rest des Abends verwenden; kurz als These vorab: Nein, es ist wohl nicht schiefgegangen mit dem Gedenken; vielmehr waren in der bundesrepublikanischen Gesellschaft diese verschlungenen und oft merkwürdigen Wege der Auseinandersetzung mit der Nazizeit wahrscheinlich nötig, weil sie immer Reaktionen waren auf gesellschaftliche Konstellationen, die man nicht außer Acht lassen und schon gar nicht überspringen konnte. Aber zugleich denke ich, dass wir tatsächlich erst am Anfang dessen stehen, was man mit Recht Erinnerung, Sich-Erinnern nennen dürfte.

Ich möchte zuerst einige Schlaglichter auf die Geschichte, auf die "Gedenkgeschichte" der Bundesrepublik werfen und mich von dort aus in einem zweiten Schritt denjenigen zuwenden, die eigentlich im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen sollten, nämlich den Opfern und Überlebenden des Holocaust. Mit ihren Perspektiven versehen, möchte ich schließlich drittens den Blick wieder auf uns, unser Gedenken und unsere Bemühungen richten.

(Zur Terminologie - ich habe gerade schon mehrfach die Ausdrücke "Opfer" und "Holocaust" verwendet - möchte ich nur sagen: Alle diese Ausdrücke sind problematisch. Aber ich benutze diese Begriffe, damit ich nicht zu jedem Satz noch zwei Nebensätze machen muss. Wir verstehen schon, was damit gemeint ist. Die Konzepte hinter den Begriffen wären ein eigenes Thema.)

Vierziger Jahre: Die Schuldfrage als Ausgangspunkt   INHALT

Ich möchte anfangen mit drei Statements aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Der erste, den ich hier zu Wort kommen lassen möchte, ist Hellmut Traub. Hellmut Traub war Theologe, evangelischer Pfarrer, Schüler von Karl Barth, Pfarrer der Bekennenden Kirche in der Nazizeit - und ein echter Widerstandskämpfer. Er fälschte Pässe, Visa, Lebensmittelmarken, verkündete die Namen von KZ-Häftlingen öffentlich im Gottesdienst, knüpfte Kontakte zu anderen Widerstandsgruppen, versuchte, seine Kirche zu mehr Entschiedenheit zu bewegen - und was nicht alles. Er war etliche Male im Gestapo-Gefängnis, auch einige Monate in Dachau im KZ, also einer, von dem man sagen kann: Der hat von Anfang an begriffen, worum es ging, hat getan, was er konnte. Und dieser Hellmut Traub hielt 1946 einen Vortrag an mehreren Orten in Süddeutschland, worin er zu sagen versucht, was in seinen Augen in Deutschland 1946 auf der Tagesordnung war:

"Ach, wir sind ja selbst heute noch längst nicht so weit auch nur zu ahnen, daß wir wirklich und ganz und völlig den Krieg verloren, uns verloren haben, Geschlagene sind. Was haben wir in diesem Jahr alles geschrieen! Wir weinten und wir zürnten, wir klagen und wir klagen an, wir rechnen und rechnen ab und zu, wir verbocken uns auf unser Können und unsere Fähigkeiten ('Kein Volk kann, was wir leisten') und wir verzweifeln in völligem Nicht-Können. Wir beteuern unsere Unschuld und - ja, und nun geschah es mitten unter all' diesen Stimmen, daß die Kirche durch ihre Leitung jene berühmte und berüchtigte Schulderklärung abgab. Alle diese Äußerungen, ja auch diese Schulderklärung - obwohl es sicherlich stimmt, was sie sagt - sind gewogen und zu leicht befunden. Sie alle, auch die Schulderklärung, sind Stoßseufzer, sie bleiben unverantwortlich, sie wollten und sie konnten nicht die Basis abgeben für unser Leben. Sie kamen nicht aus dem hellen, erhellten Bewußtsein unserer Lage. Sie alle hatten und haben hinter dem 'Ja' auch ihr 'Aber' - auch die Schulderklärung, hinter der ja nicht nur das deutsche Volk, sondern auch nicht die Christen, nicht einmal die Pfarrer und Hirten, ja nicht einmal die Leitung voll stehen." (1)

Als Kontrast gleich daneben ein Auszug aus einem gemeinsamen Hirtenbrief der deutschen katholischen Bischöfe vom August 1945, also ein gutes halbes Jahr vorher, die ganz anders reden:

"Katholisches Volk, wir freuen uns, dass du dich in so weitem Ausmaße von dem Götzendienst der brutalen Macht freigehalten hast. Wir freuen uns, daß so viele unseres Glaubens nie und nimmer ihr Knie vor Baal gebeugt haben. Wir freuen uns, dass diese gottlosen und unmenschlichen Lehren auch weit über den Kreis unserer katholischen Glaubensbrüder hinaus abgelehnt wurden. Und dennoch: Furchtbares ist schon vor dem Kriege in Deutschland und während des Krieges durch Deutsche in den besetzten Ländern geschehen. Wir beklagen es zutiefst: Viele Deutsche, auch aus unseren Reihen, haben sich von den falschen Lehren des Nationalsozialismus betören lassen, sind bei den Verbrechen gegen menschliche Freiheit und menschliche Würde gleichgültig geblieben; viele leisteten durch ihre Haltung dem Verbrechen Vorschub, viele sind selber Verbrecher geworden. Schwere Verantwortung trifft jene, die auf Grund ihrer Stellung wissen konnten, was bei uns vorging, die durch ihren Einfluss solche Verbrechen hätten hindern können und es nicht getan haben, ja diese Verbrechen ermöglicht und sich dadurch mit den Verbrechen solidarisch erklärt haben." (2)

Ein anderer Ton mit anderen interessanten Details. Und als letzte Stimme aus dieser Zeit vom Februar '46 ein Brief eines deutschen Politikers an einen Freund, also eine ganz private Stellungnahme:

"Nach meiner Meinung trägt das deutsche Volk und tragen auch die Bischöfe und der Klerus eine große Schuld an den Vorgängen in den Konzentrationslagern. Richtig ist, daß nachher vielleicht nicht viel mehr zu machen war. Die Schuld liegt früher. Das deutsche Volk, auch Bischöfe und Klerus zum großen Teil, sind auf die nationalsozialistische Agitation eingegangen. Es hat sich fast widerstandslos ja zum Teil mit Begeisterung auf all den [...] gekennzeichneten Gebieten gleichschalten lassen. Darin liegt seine Schuld. Im übrigen hat man aber auch gewußt - wenn man auch die Vorgänge in den Lagern nicht in ihrem ganzen Ausmaße gekannt hat -, daß die persönliche Freiheit, alle Rechtsgrundsätze, mit Füßen getreten wurden, daß in den Konzentrationslagern große Grausamkeiten verübt wurden, daß die Gestapo, unsere SS und zum Teil auch unsere Truppen in Polen und Rußland mit beispiellosen Grausamkeiten gegen die Zivilbevölkerung vorgingen. Die Judenpogrome von 1933 und 1938 geschahen in aller Öffentlichkeit. Die Geiselmorde in Frankreich wurden von uns offiziell bekannt gegeben. Man kann also wirklich nicht behaupten, daß die Öffentlichkeit nicht gewußt habe, daß die nationalsozialistische Regierung und die Heeresleitung ständig aus Grundsatz gegen das Naturrecht, gegen die Haager Konvention und gegen die einfachsten Gebote der Menschlichkeit verstießen." (3)

Der Verfasser dieses Briefs ist erstaunlicherweise Konrad Adenauer, der spätere Bundeskanzler. Diese drei Statements mögen zeigen, dass es in erster Linie die Frage nach der Schuld war, die in den ersten Monaten nach dem Krieg zentrales Thema war. Aber während Helmut Traub auch den Schuldbekenntnissen misstraut, weil sie zu billig sein könnten, sprechen die katholischen Bischöfe den Großteil der Katholiken frei, obwohl sie mahnen, nicht pauschal, sondern konkret und differenziert mit Schuld umzugehen, die genauen Täter anzuschauen. Und Konrad Adenauer, mit dem mich politisch nichts verbindet, skizziert Zusammenhänge von Schuld und Verantwortung, denen sich die Einzelnen nicht so leicht entziehen können.

Wohlgemerkt, in allen drei Zitaten ist nicht von einer Kollektivschuld die Rede, die man qua "Deutschsein" hätte, sondern von der konkreten Schuld vieler. Wenn man insbesondere den Holocaust in den Blick nimmt, den millionenfachen Mord an den Juden Europas, dann meinen wir ja nicht die Taten von einigen Dutzend Mördern, auch nicht die Taten von 100.000 bis 300.000 Tätern, je nachdem, welchem Historiker man da folgt, sondern wir meinen vielmehr ein extrem arbeitsteiliges Geschehen, wozu auch viele Handgriffe gehört haben, die für sich genommen keine Verbrechen waren. Architekten, die irgendwelche Aufträge für Gebäude ausführen, Reichsbahner, die Fahrpläne entwickeln ... Auch ein Wahlkreuz für die NSDAP kann man ja noch nicht direkt als Verbrechen bezeichnen, auch nicht die Spende fürs Winterhilfswerk oder das Erzählen eines antisemitischen Witzes. Und doch muss man sagen, wie es der evangelische Theologe Martin Stör einmal formuliert hat, waren das alles Fäden, einzelne Fäden, aus denen man dann insgesamt den Strick gedreht hat, an dem man die Juden aufgehängt hat. Im Zeitalter des Holocaust ist der Strick natürlich eine etwas altmodische Metapher für das, was da passiert ist. Aber dass viele Fäden zu diesem Strick gehört haben und dass viele an diesen Fäden mitgesponnen haben, scheint mir doch ein wichtiger Punkt zu sein: Nicht nur die, die schließlich den Opfern die Schlinge um den Hals gelegt haben, sind Täter gewesen.

Wie fühlt sich einer, der die Partei gewählt, aber sonst nicht viel getan hat, und der nach dem Krieg das Ausmaß der Morde, wie es sich allmählich enthüllt hat, zur Kenntnis nehmen muss? Natürlich hat auch das Wählen der NSDAP etwas mit Schuld zu tun, denn die Nazis haben ihren Rassismus und Antisemitismus ja keineswegs verschämt versteckt. Wer sie gewählt hat, hat das gewollt oder war zumindest so verantwortungslos, etwas zu unterstützen, was er nicht gewollt haben kann oder gewollt haben mag. In diesem ganz konkreten Sinn ist die Schuldfrage nicht die Frage nach einigen wenigen Verbrechern, sondern die Frage von sehr breiten Mehrheiten in diesem Land.

Aber kann man so etwas Abgründiges wie den Holocaust wirklich ansehen und sagen: "Ich bin daran mitschuldig"? Wer ist denn dazu in der Lage? Ist da Abwehr, Verleugnung nicht fast ein natürlicher Reflex? In Deutschland nahm, soweit ich sehen kann, die Generation der in der Nazi-Zeit Erwachsenen weitgehend Zuflucht zu einer Selbststilisierung als Opfer. Die allermeisten Täter, Mitläufer, Zuschauer sahen oder zeigten sich in erster Linie als Opfer: als Opfer der Verführungskünste Hitlers, als Opfer der Repression und Gewalt, als Opfer des totalitären Systems, als Opfer der Dämonen, wie die Katholiken in vielen Predigten nach dem Krieg immer wieder verbreitet haben, und schließlich als Opfer des Krieges und danach immer mehr als Opfer der Siegermächte.

Währenddessen legten sich die Angehörigen des Widerstandes, die die Gefängnisse und KZs überlebt hatten, nach dem Krieg immer wieder zerknirscht die Frage vor, ob sie nicht mehr hätten tun können und tun müssen. Den Massen der selbsternannten Opfer standen die wirklichen Opfer der Verfolgung, die Überlebenden der Lager, wie ein verlorenes Häufchen gegenüber und machten sich ernste Gedanken, ob sie nicht versagt hatten. Zwar gab es auch schon in den 50er Jahren einige Intellektuelle, die sich zu ihren Fürsprechern machten, aber mehrheitsverändernd wurde das noch keinesfalls.

Sechziger Jahre: Geschichte wird zur Lektion   INHALT

Erst die nächste Generation, die die Nazizeit nur als Kinder oder gar nicht mehr bewusst miterlebt hatte, schaffte es dann, die Diskussion etwa seit Mitte der 60er Jahre langsam, aber nachhaltig zu verändern. Sie klagte gegenüber den selbsternannten Opfern die Wahrnehmung der wirklichen Verfolgten, der wahren NS-Opfer ein. Sie wollten, dass endlich die in den Blick kommen, die wirklich verfolgt waren und gelitten hatten.

In diesem Zusammenhang verschoben sich dann allmählich auch - wir sprechen von einem Zeitraum von etwa 20 Jahren - die Gewichte in der Geschichtswissenschaft. Das Forschungsinteresse, das noch in den 50er Jahren so gut wie überhaupt nicht dem Holocaust gegolten hatte (man hat sich da mehr um das Ereignis der "Machtergreifung" von 1933 und die Frage, wie es überhaupt dazu kommen konnte, gekümmert), verlagerte sich: Die Politik der Verfolgung wurde zunehmend wichtiger, Opfergruppen wurden als Forschungsgebiet interessant. Auch in der Theologie entdeckten in dieser Zeit einige kritische Theologen die Bedeutung vor allem der jüdischen Opfer für eine Theologie nach Auschwitz.

Seit Mitte der 70er Jahre gab es dann endlich auch eine wachsende Aufmerksamkeit für die Überlebenden, die nun zunehmend gebeten werden, in Schulen und auf anderen Veranstaltungen von ihrer KZ-Geschichte oder ihrer Verfolgungsgeschichte zu berichten.

Diese Zeit, in der sich sehr viel entwickelt hat, ist dann allerdings auch die Stunde der Schulmeister. Neben den Ausdruck der "Vergangenheitsbewältigung", dem man schon ein bisschen das Verzwungene und Gewaltsame anmerkt, treten neue Begriffe: Man spricht seither immer häufiger von "Aufarbeitung" der Vergangenheit und vom "Lernen aus der Geschichte". Das sind ja auch Ausdrücke, denen man anmerkt, dass es um etwas Anstrengendes geht, um etwas, das man zu leisten hat, meist mit dem Tenor, man müsse das alles wissen, damit es "nie wieder" geschehe. Man sprach auch inzwischen mehr von "der Geschichte". Bis dahin, bis zur Mitte der 60er Jahre war der Lieblingsausdruck für die Nazizeit "die Vergangenheit".

Das der Nationalsozialismus Vergangenheit sei, war ohnehin Wunschdenken. Aber seither macht sich dieser Ausdruck "Geschichte" immer mehr bemerkbar, und ich denke, das hat eine ältere Wurzel. Seit etwa 200 Jahren glaubt man ja, dass geschichtliche Entwicklungen im Grunde durchschaut werden können, dass wir aus der Geschichte heraustreten und sie von außen beurteilen und anschauen können; genauer: seit Hegel in seinen "Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte" die Geschichte als einen dialektischen Prozess beschrieben hat.

Hegel sah die Negativität in der Geschichte als die treibende Kraft in einem Prozess von Thesen und Antithesen. Die Geschichte sei im Grunde eine "Schlachtbank"; aus dem Kampf zwischen Negativem und Positivem, aus dem realen blutigen Schlachten entstehe geschichtlicher Fortschritt. Was allerdings Fortschritt in der Geschichte sei und was nicht, könne man immer nur von ihrem "Endzweck" her, wie es bei Hegel heißt, feststellen. Vom "Endzweck" her lasse sich bestimmen, wo man sich geschichtlich gerade befindet, was noch kommen werde, worauf alles hinauslaufen müsse. Dieser Geschichtsbegriff hat sehr stark auch die Betrachtung der NS-Zeit seit Mitte der 60er Jahre bestimmt. Denn wenn man weiß, dass die Geschichte einen "Endzweck" hat und wie der auszusehen hat, dann kann man die Stationen auf dem Weg zu diesem "Endzweck" deuten, dann kann zwischen entwickelten und unterentwickelten Stadien unterscheiden, dann kann man Mechanismen und Strukturen benennen, mit anderen Worten: Man kann aus der Geschichte lernen. Geschichte ist dann nicht mehr ein hochkomplexes Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Faktoren, deren Zusammenwirken kaum vorhersagbar ist. Geschichte ist dann vielmehr ein relativ eindeutiger Prozess, dessen Ende bereits festgelegt ist (von wem eigentlich?), und wer sich dem entgegenstellt, soll sich hüten, dass ihm die Geschichte nicht ganz persönlich zur Schlachtbank wird.

Die hellsichtigen Einsprüche von Walter Benjamin gegen dieses Hegelsche Geschichtsmodell spielten in jener Phase des "Lernens aus der Geschichte" kaum eine Rolle. Offenbar war es noch nicht so weit, dass man Walter Benjamin und seine Kritik an diesem Fortschrittsmythos ernst nehmen konnte. Man wollte lieber glauben, dass man in jeder beliebigen Epoche die Strukturen erkennen könne, die einem sagten, was nun auf einen zukomme. Diese Art der Geschichtsbetrachtung nahm der Geschichte das Chaotische, das Unberechenbare und vor allem das erschreckend Abgründige. Nach Hegel kann man Geschichte im Grunde verstehen und sich erklären. Der Holocaust, so muss man wohl folgern, hat in diesem dialektischen Schema grundsätzlich nachvollziehbare und letztlich notwendige (!) Funktion auf dem Weg zum Ziel einer allgemeinen Seligkeit.

Das Autoritäre und offensichtlich Wirklichkeitsfremde dieses Schemas stach in der 60er Jahren weniger ins Auge als seine tröstlichen und Angst eindämmenden Aspekte. Der dialektische Geschichtsprozess ist ja eine Art Übersetzung der Idee von der göttlichen Vorsehung in weltliche Kategorien (was für Hegel selbst noch ein und dasselbe war). Während aber die kritischen Theologen und Theologinnen in dieser Zeit begannen, radikale Zweifel an einem Gott anzumelden, der den Weltenlauf samt Auschwitz behütend in seiner Hand hält, übten sich viele der bewussten und unbewussten Hegelianer in treuem Glauben an den dialektischen Geschichtsprozess.

Es hat natürlich auch, in gewissen Grenzen, etwas intellektuell Reizvolles, die Geschichte so zu "verstehen". Da gibt es immer etwas zu untersuchen und zu deuten, und es ist schön, wenn man etwas einordnen kann. Es ist weniger beunruhigend, und man kann es weitergeben, unterrichten. Im Zuge dieser Pädagogisierung wurden dann Lehren aus der Geschichte formuliert und Warnungen ausgesprochen. Man wusste ja Bescheid und wollte, dass auch alle anderen Bescheid wissen sollten.

Die Überlebenden waren als "Zeitzeugen" zur Illustration dieser Lehren willkommen. Zunehmend werden sie in Diskussionsveranstaltungen und Schulen eingeladen. Man musste sie nicht mehr fürchten, weil sie mit ihren konkrtene Erfahrungen Verunsicherung verbreiten könnten. Denn: Was sie zu sagen hatten, wusste man eigentlich - schlecht hegelianisch - selber immer auch schon. Wenn man von den Überlebenden anderes hörte, was so nicht in das eigene Schema passte, dann empfand man eben die Überlebenden notfalls als verwirrt oder schon senil und ging möglichst schweigend darüber hinweg.

Achtziger Jahre: Die Verstaatlichung der NS-Geschichte   INHALT

Seine Krönung erfuhr dieser Umgang mit den überlebenden NS-Opfern wohl im Jahr 1985 in der berühmten Rede Richard von Weizsäckers zum 40. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Von Weizsäcker hatte zwar weniger kühl-lehrhaft sondern mehr christdemokratisch-betulich gesprochen und wollte den lieben Deutschen vermitteln, dass man sich doch der Geschichte öffnen könne. Dass das vielleicht für manche noch schmerzhaft sei, aber im Großen und Ganzen nichts Schlimmes. Nicht schlimm war das auch deshalb, weil die Täter in dieser Sichtweise überhaupt keine Rolle spielten.

Die Gesellschaft erging sich in einem selbstgefälligen Mitgefühl für die Opfer, angefangen von Dutzenden von Fernsehsendungen über eine irrsinnige Buchproduktion bis hin zu zahlreichen Podiumsdiskussionen. Man sprach über die eigene Betroffenheit und bekundete unaufhörlich den Willen zur Demokratie. So fand also das Projekt der Opfergeschichte - für viele Linke überraschend und verwirrend - seine staatliche Apotheose in der Zeit einer CDU-Regierung, gegen die man bis dahin noch jedes Mahnmal, jedes Gedenkprojekt und jede Begegnungsstätte in jahrelangen Kämpfen erst hatte durchsetzen müssen - wenn es überhaupt gelungen ist. Und plötzlich verstaatlichten die Konservativen sozusagen diese ganzen Impulse, eigneten sie sich an und machen etwas Eigenes daraus mit dem schönen Effekt, dass die Erinnerung an die Täter und an die Verbrecher ganz und gar unter den Tisch fiel. Sein sprechendstes Symbol fand diese Entwicklung darin, dass der damalige Bundeskanzler eine kleine Pietą› der kommunistischen Künstlerin Käthe Kollwitz in stark vergrößerten Dimensionen reproduzieren und diese aufgeblasene Plastik in der "Neuen Wache" zu Berlin aufstellen ließ. Nach seinem Willen sollte dieser Ort hinfort zur zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik werden.

Von Weizsäcker aber hat, und dafür ist er wohl berühmt geworden, seiner Rede das Motto eines jüdischen Sprichworts gegeben: "Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung". Das klang natürlich schön. Es ging um Erlösung und um Freiwerden. Und Erinnerung hatte auch nicht so einen arbeitsamen Geschmack wie Lernen aus der Geschichte, Aufarbeitung und all diese Dinge. Es wurde alles ein bisschen gemütlicher und gefühliger, aber wir werden noch sehen, dass das, was er Erinnerung nannte, mit echter Erinnerung noch gar nicht viel zu tun hatte. Den Überlebenden jedenfalls ging es um etwas anderes als um ein sentimentales Sich-wieder-Anfreunden mit der Geschichte, das die Täter ausblendet und ein mitfühlendes Wort für die Opfer erübrigt.

Worum es den Opfern geht   INHALT

Ich möchte ein paar Beispiele geben, die deutlich machen sollen, worum es den Überlebenden stattdessen ging. Viele, nicht nur Überlebende, sondern auch diejenigen, die noch aufschreiben konnten, was sie erlebt haben, bevor man sie umgebracht hat, haben festgehalten, warum es ihnen so wichtig war, Zeugnis abzulegen. Wir haben zum Beispiel aus dem Warschauer Getto eine Sammlung von Chroniken, zu denen unter anderem die Chaim Kaplans gehörte, dessen Tagebuchaufzeichnungen am Anfang aus zufälligen Aufschrieben, dann immer mehr zu einer ziemlich zuverlässigen Chronik des Lebens im Warschauer Gettos wurden. Chaim Kaplan schreibt:

"Ich weiß nicht, ob noch jemand täglich Ereignisse aufzeichnet. Die Bedingungen, unter denen wir leben, sind solchen literarischen Arbeiten nicht förderlich. Ich bin einer der Glücklichen, dessen Feder selbst in dieser Wahnsinnsstunde nicht rastet. Jeder, der solche Berichte aufzeichnet, gefährdet sein Leben, aber das schreckt mich nicht ab. Ich ahne in meinem Innern die Größe dieser Stunde und meine Verantwortung ihr gegenüber, und ich bin mir bewußt, daß ich eine nationale Pflicht erfülle, eine historische Verpflichtung, der ich mich nicht nach meinem Belieben entziehen darf. Ich bringe meine Niederschrift nicht ins reine; die Worte werden von meinen momentanen Eingebungen geformt. Vielleicht liegt darin ihr Wert. Wie es auch damit bestellt sein mag, ich bin sicher, daß mich die Vorsehung sandte, um diesen Auftrag zu erfüllen. Meine Chronik wird dem künftigen Historiker als Quellenmaterial dienen." (4)

Einige Wochen später schreibt Kaplan:

"Meine Kräfte reichen nicht aus, all das niederzuschreiben, was sich der Aufzeichnung lohnt. Vor allem macht mich besorgt, dass ich meine Kraft umsonst verbrauchen könnte. Sollte auch ich in ihre Hände fallen, werden alle meine Anstrengungen umsonst gewesen sein. Meine größte Sorge gilt der Verbergung meines Tagebuches, auf daß es künftigen Generationen erhalten bleibe. So lange mein Herz schlägt, werde ich an meiner heiligen Aufgabe weiterwirken." (5)

Fünf Tage danach wurde Kaplan deportiert, sein Todesdatum ist nicht bekannt.Ein anderer, ein Überlebender der Vernichtungslager, der ungarische Psychiater Eugène Heimler, spricht in seinen späteren Erinnerungen auch davon, warum ihm das wichtig war, seine Erinnerungen aufzuzeichnen. Er schreibt:

"Es gab ... Botschaften, die ich den Lebenden von den Toten überbringen mußte. Ich hatte etwas zu tun; ich hatte etwas zu sagen; es gab Augenblicke, die ich zu analysieren hatte, um der Welt zu zeigen, was ich gesehen und durchlebt hatte, für all die Millionen, die es auch erlebt hatten - die aber nicht mehr sprechen konnten. Ich musste die Stimme ihrer toten, verbrannten Körper sein." (6)

Und noch ein anderes Zeugnis von einem, dessen Namen wir gar nicht kennen. Es wurde vergraben gefunden in Auschwitz, da heißt es:

"Ich bitte, alle meine seinerzeit vergrabenen Schilderungen und Notizen mit der Unterschrift I.A.R.A. zu ordnen und unter dem Titel 'Im Abgrund des Verbrechens' zu veröffentlichen. Sie befinden sich in verschiedenen Schachteln und Gläsern im Hof des Krematoriums II. Ebenso zwei größere Berichte, von denen einer, betitelt 'Aussiedlung' im Grab mit Knochen im Krematorium I und der andere, betitelt 'Auschwitz' in einem Knochenhaufen an der Südwestseite des gleichen Hofes liegt. Dann habe ich das noch einmal abgeschrieben, vervollständigt und an einer anderen Stelle unter der Asche im Krematorium II eingegraben.Jetzt gehen wir, die 170 übriggebliebenen Männer, zu unseren Frauen. Wir sind überzeugt, daß man uns in den Tod führt. Dreißig Leute hat man ausgesucht, um sie im Krematorium IV zu lassen. Heute, am 26. November 1944." (7)

Zuletzt aus dieser Reihe vielleicht noch ein Satz von Primo Levi, auch Häftling in Auschwitz, Auschwitz-Monowitz, der später einmal darüber schrieb:

"Mein religiöser Freund hatte mir gesagt, ich hätte überlebt, damit ich Zeugnis ablegte. Das habe ich getan, so gut ich konnte, und ich hätte auch nicht anders gekonnt. Und immer noch lege ich Zeugnis ab, wann immer sich dazu eine Gelegenheit bietet." (8)

Fragt man sich anhand dieser Aussagen, warum das Berichten, das Zeugnisgeben für die Opfer einen so enormen Stellenwert hatte, warum sie sich zu diesem Zweck sogar in Lebensgefahr begaben, dann muss man zunächst negativ feststellen: offenbar nicht, um uns irgendwelche Lehren mitzuteilen, um uns etwas an die Hand zu geben, mit dessen Hilfe wir inskünftig die Gefahren von Unterdrückung und Verfolgung besser erkennen würden. Was sie antrieb zu berichten, war viel schlichter, viel unmittelbarer: Es ging ihnen darum festzuhalten, was gewesen ist, damit es vielleicht nicht ganz verloren geht. Damit diejenigen nicht ganz vergessen werden, die aus den Ghettos und Lagern nicht mehr zurückgekehrt sind.

Möglicherweise fragen hier einige, die (wie ich) im stark pädagogisierten, von penetranten Nutzanwendungen bestimmten Klima der 70er Jahre groß geworden sind, wozu das denn gut sein soll. Ich habe selbst einige Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass es bei der Auseinandersetzung mit den NS-Verfolgungsgeschichten gar nicht in erster Linie um das Herausdestillieren einer "Moral von der Geschicht'" oder um füglich zu ziehende "praktische Konsequenzen" geht. Ja, ich würde sogar sagen, dass dieser pädagogisierende Umgang mit der Geschichte (der sehr stark in Hegels Geschichtsdialektik wurzelt) eher eine verblödende und menschlich abstumpfende Wirkung hat. Denn viele der Verfolgungsgeschichten sind einfach nur schrecklich und lassen sich gar nicht auf eine "Lehre aus der Geschichte" hin zurechtbiegen. Für die Herren (und Damen) Schulmeister sind sie damit eigentlich schon wertlos, sie haben keine Funktion in der Geschichtsdidaktik. Dabei übersehen sie, dass diese einfachen, nicht benutzbaren, nicht funktionalisierbaren Geschichten viel subversiver wirken können, als sich die Apostel der zweckdienlichen "Aufarbeitung" je träumen ließen: Diese Geschichten verlangen nämlich Aufmerksamkeit für menschliche Leiden, auch wenn sie nicht in ein bestimmtes Interpretationsschema passen, auch wenn sie keine Funktion für eine Theorie der geschichtlichen Entwicklungen haben. Sie verlangen Aufmerksamkeit jenseits der theoretischen Brille, mit anderen Worten: Sie verlangen Sensibilität für das Leben selbst, für die Menschen selbst - auch und gerade da, wo dies nicht ins Konzept passt.

Es ist deshalb kaum überraschend, dass diese Geschichten in ihrer unvernutzbaren Unmittelbarkeit verunsichern und Abwehr erzeugen. Und es zeigte sich an diesen Geschichten ein Moment des Unbegreiflichen, des theoretisch nicht Fassbaren und Bewältigbaren. Viele von denen, die überlebt haben, mussten feststellen, dass sie mit ihren Berichten auf eine Mauer aus Unverständnis stießen. Der Franzose Robert Antelme schrieb nach seiner Rückkehr aus den Lagern Dachau und Buchenwald:

"Aber wir kamen gerade zurück, wir brachten unsere Erinnerung mit, unsere noch ganz lebendige Erfahrung, und wir verspürten ein irrsinniges Verlangen, sie so auszusprechen, wie sie war. Und doch schien es uns vom ersten Tag an unmöglich, die uns bewußt gewordene Kluft zwischen der Sprache, über die wir verfügten, und jener Erfahrung, die wir größtenteils immer noch am eigenen Leib verspürten, auszufüllen [...] Dieses Mißverhältnis zwischen der Erfahrung, die wir gemacht hatten, und dem Bericht, der darüber möglich war, bestätigte sich in der Folge immer mehr." (9)

Der Auschwitz- und Buchenwald-Überlebende Eli Wiesel hat sich mit dieser Erfahrung sehr stark auseinandergesetzt. Was heißt es, dass die Welt, die die Erfahrungen der Lager nicht teilt, sie auch nicht kapiert? Eli Wiesel schreibt:

"Zwischen unserem Erinnern und der Wiedergabe unserer Erinnerung steht eine Wand, die nicht durchbrochen werden kann. Die Vergangenheit gehört den Toten, und der Überlebende erkennt sich selbst nicht in den Worten, die ihn damit immer wieder in Verbindung bringen sollen. Wir sprechen verschlüsselt, wir Überlebenden, und unser Code kann nicht aufgebrochen, kann nicht entziffert werden, nicht durch euch, so sehr ihr euch auch darum bemüht." (10)
"Die Worte aus unserem Mund drücken etwas aus, das kein Mensch verstehen kann. Die Worte Hunger, Durst, Angst, Demütigung, Warten, Tod handeln von anderen Wirklichkeiten ... Was wir erlitten haben, ist mit der Sprache nicht zu fassen. Es ist auf der anderen Seite des Lebens und der Geschichte angesiedelt. Das Getto und der versiegelte Waggon, die lebendig in die Flammen geschleuderten Kinder, die ermordeten stummen Greise, der irre Blick der Mütter, die Ohnmacht der Söhne, die die Todesangst des Vaters nicht lindern konnten. Ein normaler Mensch kann soviel Schrecken nicht verarbeiten, kann so viel Finsternis nicht auf sich nehmen, ein normaler Mensch kann das nicht begreifen, wird es niemals begreifen können." (11)
"Ich bin mir bewußt, daß ich das, was ich sagen wollte, schlecht oder vielleicht überhaupt nicht gesagt habe, und - was schlimmer wäre - daß ich etwas anderes gesagt haben könnte [...] Ich habe vor allem die unendlich schmerzende und kaum auszusprechende Überzeugung, daß der Feind in mehr als einer Hinsicht die Partie gewonnen hat. Die Toten sind tot, und die Überlebenden können nicht einmal erzählen, was sie gesehen und erlebt haben." (12)

Somit wird, folgt man den Überlebenden, alles noch komplexer. Sie können nicht schweigen, stellen aber fest, wenn sie in unsere Gesichter sehen, dass wir ahnungslos und benommen davor sitzen, aber eigentlich nicht kapieren, worum es ihnen geht. Und das bedeutet in der Konsequenz, dass es in Wahrheit nicht gelingen kann, etwas aus dem Zeugnis der Opfer aufzugreifen, etwas daraus zu machen oder gar Lehren zu formulieren. Noch einmal Eli Wiesel:

"Man vertraut den Dokumenten mehr als den Menschen, die über ihr Schicksal berichten. Selbst die besten Historiker halten Augenzeugenberichte und Tagebücher der Opfer für weniger glaubhaft als nackte Dokumente. Dokument Nummer XY, von irgend jemandem in Berlin oder sonstwo verfaßt, ist bedeutender als die Erinnerung eines Menschen. Man kann mit den Historikern darüber nicht reden. Ich habe es versucht und habe gesagt: 'Sehen sie, Fakten und Wahrheit sind nicht das gleiche.' Wir kennen die Fakten, aber die Wahrheit ist etwas anderes. Man kann sie in einem Tagebuch oder einem Brief finden, es muß kein Dokument sein. Dokumente berichten nur Fakten, und Fakten sind selbst sehr häufig widersprüchlich. Sie sind allenfalls ein Hilfsmittel, um die Wahrheit zu finden, die in Worten liegen mag, in einem Lächeln, in einem Gebet oder einem Gedicht, das von einem Kind oder jemandem, der den Tod vor Augen hat, geschrieben wurde." (13)
"Ich lese und höre also die hervorragenden Gelehrten und Professoren, die, nachdem sie alle Bücher gelesen und alle Theorien gegenübergestellt haben, ihre Gelehrtheit ausrufen und ihre Macht, alles zu durchleuchten und alles zu erklären, indem sie einfach klassifizieren [...] Ich habe nichts gegen ihre Fragen: sie sind gültig, sie allein sind gültig [...] Ich erhebe mich gegen ihre Antworten - gleichgültig worauf sie begründet sind. Hier gibt es keine Antworten. Jede dieser Thesen enthält vielleicht ein Stückchen Wahrheit. Ihre Summe aber kann nicht einfangen, was in der Nacht damals geschah: sie liegt außerhalb der Wahrheit." (14)

Als Konsequenz formuliert Wiesel deshalb:

"Heute befinden wir es für richtig, daß bestimmte Taten unausgesprochen bleiben. Darüber zu sprechen hat keine logische Konsequenz mehr. Diese ganzen Reden über die 'Lehren' von Auschwitz und die 'Botschaft' von Treblinka sind moralische Lehren und politisch-theologische Botschaften, die mit dem Gegenstand selbst überhaupt nichts zu tun haben." (15)

Mich hat die Beschäftigung mit Äußerungen wie diesen und vielen anderen immer mehr zu der Frage gebracht: Was dann? Wenn unser Hören offenbar gar nicht zu einem sinnvollen Ergebnis kommt. Und auch: Was wollen die Überlebenden von uns?Maurice Blanchot, der französische Philosoph, hat einmal versucht, das auf eine Kurzformel zu bringen. Was natürlich nicht unproblematisch sein mag, aber kam zu dem Schluss, das Zeugnis der Überlebenden sei dieser Satz:

"Der Wunsch aller dort, der letzte Wunsch: wißt, was sich ereignet hat, vergeßt nicht, und zugleich: niemals werdet ihr wissen." (16)

Also: "Wisst!" Auch wenn sich das in keine eurer Theorien einbauen lässt, wisst! Auch wenn es in keiner Lehre, keiner Religion, nicht für Gott, nicht gegen Gott verwendbar ist. Und wisst, dass ihr nichts wisst. Diese Spannung müsst ihr aushalten. Ich denke, Blanchot hat gut auf den Punkt gebracht, worauf die Zeugnisse der Überlebenden immer mehr zusteuern, nämlich auf eine Verweigerung der Benutzbarkeit und Vernutzbarkeit von dem, was sie erlebt haben. Ein Offenhalten dieser Negativität, dieses radikal negativen Erlebnisses von Auschwitz, das zu nichts taugt, das nicht durch noch so kluge Bemühungen von uns Nachgeborenen in eine Positivität umgemünzt werden kann, in eine gute Handlungsanleitung oder eine klare Erkenntnis, wie wir jetzt weiterzuleben haben.

Was diese Zeugnisse den Zeugen bedeuten möchte ich vielleicht noch an einer anderen Geschichte deutlich machen, die ich von Hanna Mandel erzählt bekommen habe. Hanna Mandel ist auch eine Überlebende von Auschwitz, stammt aus einem kleinen Dorf in Ungarn und lebte hier in München. Sie erzählt von einer ganz harmlosen und nicht mit Auschwitz in Zusammenhang stehenden Erinnerung, die aber sehr vielsagend ist. Da heißt es:

"Solange ich mich erinnern kann wurden zweimal im Jahr bei uns zu Hause Windbeutel gebacken. Ich aß sie wahnsinnig gerne, und oft plagte ich meine Mutter mit Fragen: 'Wann kommt endlich wieder die Zeit, in der sie Windbeutel bäckt?' Als ich acht oder zehn Jahre alt war, fragte ich sie, warum sie sie bloß zu ihrem Verlobungs- und Hochzeitstag machte. Und meine Mutter erzählte mit einem verschmitzten Lächeln die Geschichte von ihrer Verlobungsfeier. Zu dieser Feier, die zu Hause bei den Eltern meiner Mutter stattfand, waren Windbeutel in großen Mengen gebacken worden. Meine Mutter beobachtete, wie mein Vater, nachdem er schon ziemlich viele davon gegessen hatte, sich genierte, noch weiter zuzugreifen. Er schaute in die Runde, und wenn er sich unbeobachtet fühlte, langte er schnell hin und holte sich wieder einen. Da es so kleine waren, die man gleich ganz in den Mund stecken konnte, war das kein Problem. Und weil ich das strahlende Gesicht meines Vaters jedes Mal beim Windbeutelessen erlebte, konnte ich mir diese Szene von der Verlobungseier sehr gut vorstellen. [...]
Da ich später alles, wirklich alles, verloren hab, war natürlich auch dieses Rezept nicht mehr da. Es gab auch niemanden mehr, der es gekannt hätte. So habe ich in Konditoreien immer wieder ähnliche Gebäcke versucht oder haufenweise Rezepte aus Kochbüchern ausprobiert. Aber der Geschmack stimmte nie ganz. Erst vielleicht so zwanzig Jahre später hier in München hat mir jemand ein altes ungarisches Kochbuch geschenkt, das man fortwerfen wollte. Da waren drei Rezepte drin, ich probierte sie alle aus, und das dritte war es." (17)

Bei dieser Geschichte, denke ich, sind wir endlich sehr präzise an dem Punkt, wo es wirklich um Erinnerung geht, um "sich erinnern", genauer gesagt. Nämlich um den Versuch, sich im Erinnern wieder anzuschließen an einen Lebenszusammenhang. Es ist klar: Die zerstörte Welt der Kindheit kehrt durch ein wiedergefundenes Rezept nicht zurück. Trotzdem, denke ich, ist es keine Sentimentalität, von der Hanna Mandel da erzählt. Es geht nicht nur um das Herüberretten von einem Rezept, sondern vielmehr um ein Verbindunghalten zur eigenen verlorenen Welt - und wenn es nur durch solch ein symbolisches Tun ist wie dieses Windbeutelbacken. Ein Verbindunghalten, ein Sich-Anschließen an einen verlorenen Zusammenhang.

So eine Geschichte ist nicht benutzbar. Sie lehrt nichts. Es ist vielleicht nicht einmal auf Anhieb nachvollziehbar, warum einer Überlebenden so etwas dermaßen wichtig ist, dass sie über Jahre sucht und sucht und sucht. Trotzdem steckt da natürlich etwas drin an Widerstand. Ein Widerstand gegen das Vergessen, ein Festhalten - ein Festhalten des Verlustes und von Erinnerung an die Verlorenen Angehörigen, an die Eltern, an die Geschwister, die alle nicht zurückgekommen sind aus Auschwitz. Solcher Erinnerung geht es offenbar nicht mehr um etwas Lehrhaftes und Pädagogisches, sondern um eine menschliche Antwort, eine Antwort auf das Grauen, die einfach ein Akt ist von Am-Leben-Bleiben und Sich-nicht-verloren-Geben, indem man versucht, diese Verbindung zu halten.

Und die Nachkommen der Mitläufer und Täter?   INHALT

Wenn man dem gegenüber sich noch einmal den Opfermythos der deutschen Tätergeneration anschaut und auch in der Folgegeneration dieses sicher richtig und gut gemeinte pädagogische Bemühen, dann wird vielleicht nachvollziehbar, dass diese Bemühungen und auch Abwehrbemühungen eher etwas Verkrüppeltes, nicht ganz Entwickeltes an sich haben, etwas Defizitäres.

Bei jener Generation, die sich selbst als Opfer stilisiert hat, kann man sagen, sie sieht ihre persönliche Verbindung zur NS-Zeit noch, leugnet aber jede Verantwortung. In der Generation ihrer Kinder, die also die Diskussion - verdienstvoll - in Deutschland auf die wahren Opfer umgelenkt hat, die aber dabei sehr stark in der Pädagogisierung gelandet ist, spielt die persönliche Verbindung zur NS-Zeit keine Rolle mehr. Für sie wird der Umgang mit der NS-Zeit bzw. die NS-Zeit selbst zunehmend zum Lehrstoff oder zum Anlass für eine bestimmte Haltung, zum Anlass, Anschauungen zu äußern. Im Kontrast zum menschlichen Verbindung-halten-Wollen, wie es in Texten vieler Opfer deutlich wird, haben wir es bei diesen Versuchen der ersten und zweiten deutschen Generation eher mit etwas Unausgereiftem zu tun.

Mich hat deshalb gerade dieser Hellmut Traub, den ich am Anfang vorgestellt habe, sehr beschäftigt. Als er noch lebte, war er auch einmal in Dachau zu Gast und hat in der Gedenkstätte einen Abend lang erzählt. Aus dieser Zeit habe ich einen Dialog mit ihm notiert, der mich damals, 1985, verstört und irritiert hat. Inzwischen wird mir aber immer klarer, dass Traub sehr genau erkannt hat, was ihn so störte an diesem Zug zum "Lernen aus der Geschichte". Traub sagte damals in der Diskussion:

"Was Ihnen heute vielleicht unverständlich ist: Man kann die Geschichte nicht aufarbeiten. Was heute so Mode ist bei euch Jungen: die Geschichte aufarbeiten - das ist doch Blech. Die Geschichte kann man nicht aufarbeiten. Die Geschichte sitzt in uns. Wir sind selber ein Produkt der Geschichte."
Es kam eine verstörte Frage aus dem Publikum:"Aber was sind die Lehren aus der Geschichte?"
Traub: "Lehren? Entschuldigen Sie, wenn Sie Geschichte ein bisschen lernen, dann lernen Sie hoffentlich das Eine: dass man aus der Geschichte nichts lernen kann. Nichts! Und wer meint, man könnte da was ranziehen, der irrt sich total. Der macht nämlich einen absoluten Schnitzer: Der legt vor sein Auge ein Raster von dem, was er meint, was er erkannt hat, und sieht nicht mehr, wo heute geschrieen wird und was heute zu hören ist. Heute habe ich die Ohren aufzumachen, heute muss ich leben! Heute muss ich entscheiden - nicht danach, wie es '33 war."
Noch einmal eine Nachfrage aus dem Publikum: "Aber kann ich das mit Hilfe der Geschichte nicht besser?"
Traub: "Ja, das weiß ich auch nicht so ganz genau. Sehen Sie mal, ich unterrichte seit dreißig Jahren Kirchengeschichte, als Wissenschaftler gewissermaßen [...] Ich glaube, das einzige, was einem die Geschichte beibringen kann, ist, dass man so wach wird, wie man kann. [...] Die Geschichte - gibt's die überhaupt? Das ist doch das, was auf uns zukommt, was zufällig von dem und jenem gesehen wird. Irgendeiner ist plötzlich hochgespült worden ... Oft erst nachträglich - nachträglich! - merken wir: Die Geschichte gibt es gar nicht; das ist ein Irrtum. Wir sind nämlich seit zweihundert Jahren alle krank daran, dass wir meinen, es gäbe die Geschichte. Es gibt aber das, was wir und die Menschen neben uns getan haben, und es gibt jetzt den Augenblick, einen neuen Augenblick. [...] Und da wiederholt sich auch nichts! Diese Dinge, die man mit 'Neo-' bezeichnet, das ist schon alles Scheißdreck! [...] Die gefährlichsten Sachen kommen in den schönsten Gestalten auf uns zu. Das isses ja gewesen! Die herrlichen Gestalten, die verführerisch schön sind. Da muss man die Witterung haben, die Nase aufmachen: Das stinkt ja da drin! Die herrlichen Worte, die auf einen einströmen - da ist der Teufel drin, der macht die schönsten Sachen. Deshalb muss man so wach werden [...]"

Mir ist erst später klar geworden, dass darin auch Hellmut Traubs Auseinandersetzung mit der Hegelschen Geschichtsbetrachtung steckt, wenn er sagt: Wir sind seit 200 Jahren krank daran, zu glauben, es gäbe die Geschichte. Die Täuschung, so muss man Traub vielleicht interpretieren, besteht wohl darin zu glauben, es gäbe irgendwelche geschichtlichen Muster, die man auf die Zukunft anwenden kann. Gerade ein solcher Umgang mit der Geschichte aber macht nicht wach, sondern blind.

Damit stellt sich natürlich die Frage: Worum geht es dann? Was fehlt uns, wenn die Opferstilisierung der ersten Generation für uns nicht mehr in Frage kommt und ebensowenig die Auflösung der geschichte in abstrakte Lehren, wie es die zweite Generation betrieben hat? Dazu hört man inzwischen reichlich Kommentare aus der zweiten und dritten Generation der deutschen Jüdinnen und Juden, die inzwischen ein bisschen ungeduldig werden mit den Nichtjuden unter uns. Unter anderen zum Beispiel die Journalistin Viola Roggenkamp:

"Diese Erbengeneration hat viel aufgearbeitet, wie auch stets betont wird. Sie haben die Nazivergangenheit des Staates und der bürgerlichen Gesellschaft aufgearbeitet und sie haben sich um die toten Juden bemüht, als würden die dadurch zu ihrer eigenen Familie. Schließlich haben sie erfahren müssen, daß auch Aufarbeiten nicht frei macht. Nur Erinnern befreit von der Last des Verdrängten. Als Kinder der Täter und Mitläufer sind sie Träger geworden und beeinträchtigt von den unausgesprochenen Phantasien ihrer Eltern. Aber das zu berühren wird noch immer vermieden. Seit einigen Jahrzehnten wird sich in Deutschland mit der Nazizeit auseinandergesetzt, aber nicht damit, was es für die Töchter und Söhne bedeutet, Kinder dieser Eltern zu sein. Man könnte sagen: diese Erbengeneration der Kinder und Enkel schützt in sich ein verinnerlichtes Bild der eigenen Eltern vor der Phantasie des zurückkehrenden und sich rächenden Juden. Solange der Wunsch existiert, nicht mehr darüber reden zu wollen, ist nicht wirklich richtig darüber gesprochen worden. Wenn das, wofür es in Deutschland bezeichnenderweise noch nicht einmal ein eigenes Wort gibt, in der Erinnerung wäre, wenn es zu einem gehörte, dann würde es nicht das lastende Gefühl geben, sich davon befreien zu müssen. Dann würde es das Bedürfnis geben, sich zu erinnern, öffentlich und in der Familie, um sich darüber aussprechen zu können, um in dieser Weise in der Vernichtung nicht fortzuwirken." (18)

Dieser Hinweis auf die eigene Familie, die ja auch für Hanna Mandel sehr zentral war, scheint mir der springende Punkt zu sein. Ich will Ihnen das anhand einer kleinen Geschichte aus Philadelphia in den USA erklären, wo ich in den frühen 80er Jahren lebte, das war 1983/84, und es hat fast 18 Jahre gedauert, bis ich begriff, was ich damals erlebt hatte. Auf einer Tagung hatte ich einen jungen Mann, so etwa in meinem Alter, getroffen, der hieß Aaron, und er fragte mich:

"'Was hat denn Deine Familie im Holocaust getan?' Als ich zum ersten Mal mit einer solchen Frage konfrontiert wurde, verstand ich sie gar nicht. Es dauerte etliche Jahre, bis ich mich wieder an sie erinnern und dann auch begreifen konnte, worum es damals gegangen war. 'Nichts' stammelte ich damals, 'was sollten sie denn mit dem Holocaust zu tun gehabt haben? Sie lebten auf dem Land, die einen waren Katholiken, die anderen Sozialdemokraten, keine Nazis ...' - 'Und deine Großväter?' wurde zurückgefragt, 'waren sie Soldaten?' Ja sicher, aber was sollte das? Ich spürte Misstrauen. Waren wir hier nicht gemeinsam auf einer Konferenz über 'Glauben nach dem Holocaust'? War damit nicht klar genug, auf welcher Seite ich stand? 'Weißt du, wo deine Großväter gekämpft haben? Was sie getan haben im Krieg? Waren sie an der Front? An welcher?' Ich wusste es nicht, jedenfalls nichts Genaues. Die Frage hatte ich mir nie gestellt. Das hatte für mich nie eine Rolle gespielt. Warum eigentlich nicht? Aaron, der nette junge Mann in Philadelphia, mit dem ich mich bis dahin über den eben gehörten Konferenz-Vortrag angeregt unterhalten hatte, sagte mir nur noch: 'Hast du dir nie überlegt, dass deine Großväter, Nazis oder nicht, möglicherweise die Front gehalten haben, hinter der die Todesfabriken betrieben wurden?' Dann ließ er mich stehen und wandte sich anderen Leuten zu." (19)

"Was hat deine Familie im Holocaust getan?" Es hat mich beschäftigt, dass ich auf eine so nahe liegende Frage, bis dahin gar nicht gekommen war. Dabei ist das für Deutsche gar nicht untypisch. Mein Freund und Kollege Björn Krondorfer macht seit Jahren Seminare, vierwöchige Treffen von Deutschen und Amerikanern, Juden und Nichtjuden. Da trifft man sich erst in Washington, fährt dann nach Berlin und Halberstadt weiter und besucht schließlich gemeinsam Auschwitz. Krondorfer hat mir erzählt, dass am Anfang des Seminars natürlich eine Kennenlernrunde steht, wozu alle schon mit den Vorbereitungsunterlagen die Aufforderung erhalten, sich darauf einzustellen, etwas über die eigene Familie zu erzählen, wo die Eltern und Großeltern herkommen, Bilder mitzubringen usw. Regelmäßig ist bereits diese Vorstellungsrunde der Anlass für einen großen Knall in der Gruppe. Die amerikanischen Teilnehmer fangen an zu erzählen, können die Geschichte der Familie weit zurückverfolgen, bringen dies und das mit. Dann kommen die Deutschen dran und bringen - sehr wenig. Zeigen vor allem, dass sie kaum etwas wissen. Haben keine Geschichten zu erzählen, wissen nicht, wo die Großeltern im Krieg waren, was die gemacht haben ... Und dann sind die Amerikaner sauer, weil die Deutschen sich angeblich nicht vorbereitet haben. Und dann sind die Deutschen sauer, weil sie es nicht besser konnten, weil sie nicht mehr erfahren haben. Und dann fangen sie an, sich zu streiten und müssen sich klar machen, wie hier in Deutschland etwas, was in jedem Land der Welt völlig selbstverständlich ist, nämlich dass man seine Familiengeschichte kennt, einfach ausfällt.

Es gibt ein Schweigen zwischen den Generationen; junge Deutsche erfahren von ihren Eltern wesentlich weniger als Jugendliche in anderen Ländern. Zumeist bleibt das aber unbemerkt, weil es fast allen hier so geht, und nur bei besonderen Zusammentreffen mit Leuten aus anderen Ländern und Kulturen fällt das dann ins Auge. Die meisten hierzulande wissen also gar nicht, wie wenig sie von ihrer eigenen Familie wissen. Das ist aber inzwischen ein Thema in der Psychologie geworden, und dort lässt man es nicht mehr so einfach stehen, dass es hier um ein naiv-unschuldiges Nichtwissen geht. Denn das Phänomen hat auch den anderen Aspekt, dass es eine Zurückhaltung der jüngeren Generationen beim Nachfragen gibt, vor allem, wenn man dunkel ahnt, dass da eine Mittäterschaft in der eigenen Familie sein könnte. Vor solchen Konflikten schützt man sich, indem man es dann lieber nicht so genau wissen möchte. Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat bei seinen Untersuchungen herausgefunden, dass viele sich die eigene Familie schöndenken, sie in die Nähe des Widerstands phantasieren. Und zwar gibt es da eine interessante Relation: Je besser junge Deutsche über die NS-Zeit informiert sind, desto stärker nehmen sie an, dass die eigene Familie mit den Verbrechen nichts zu tun hatte. Insofern könnte man sogar von einer Art unbewusster Komplizenschaft über die Generationen hinweg sprechen: Lieber hat man schöne Phantasien über die eigene Familie (und deckt so die möglichen Täter!), als dass man genauer nachhakt und womöglich mit unangenehmen Wahrheiten leben lernen muss.

Meine Kollegin Britta Jüngst, evangelische Theologin in Münster, hat sich mit der Frage sehr intensiv auseinandergesetzt, warum in der zweiten und dritten Generation solche Lücken sind. Sie schreibt, dass es wohl tatsächlich sehr stark um das Problem der Schuld geht. Wie ich anfangs gezeigt habe, war das ja 1945/46 ein großes Thema, bevor man in die Opferstilisierung hineinstolperte und später in die pädagogische Bewältigung. So hat man eben diese Schuldgeschichten, die in der Familie da sind, nicht weiter bearbeitet, sondern abgekapselt in Statements und Haltungen und Positionen. Dazu schreibt Britta Jüngst:

"Die Schuld der Eltern und Großeltern, von diesen geleugnet, verwandelt sich in ein Schuldgefühl, das sich mit ihren Taten und Untaten identifiziert, über die die Kinder meist eher spekulieren als Bescheid wissen. Die zweite und dritte Generation versetzt sich also in eine Situation, die an ihrer realen vorbeigeht. Damit aber verfehlt sie, das zu tun, was die Realität notwendig machte: die Schuld der Eltern und Großeltern zu erfragen, sie nicht zu verdrängen, zu fragen, zu wissen, das Wissen zu ertragen und die Verantwortung zu übernehmen, daß solches menschenverachtende Unrecht nie wieder und nirgendwo geschieht. In der Weigerung, diese Verantwortung zu übernehmen, liegt, denke ich, die Schuld der zweiten und dritten Generation nach Auschwitz. Und die sollte auch so genannt werden. Als Schuld möchte ich auch die Inszenierung des eigenen Antifaschismus durch Identifizierung mit den Opfern und abstrakt-distanzierte Aufklärung über den Nationalsozialismus, die lediglich die eigene richtige Gesinnung herausstellt, bezeichnen. Die Anerkennung der eigenen Verwurzelung in der Geschichte der TäterInnen und SympatisantInnen und das Sich-Wiedererkennen darin ist die Voraussetzung zur Verantwortungsübernahme, die das Verständnis dafür einschließt, daß die Kinder und EnkelInnen der Opfer auf ein Erinnern der Shoah drängen, das ihre Identität wahrt." (20)

Mit anderen Worten: Statt der Pose, schon immer alles zu wissen, statt der gefühligen Identifikation mit den Opfern, statt der Lebenslüge, dass wir als gestandene Linke mit den Nazis nichts zu tun hätten, brauchen wir ein echtes Sich-Erinnern, ein Sich-Anschließen an die eignen familienbiografischen Zusammenhänge. Für die meisten nichtjüdischen Deutschen bedeutet das, sich bewusst zu werden, dass es unsere Eltern und Großeltern waren, die den Mord an den Juden wollten und vollzogen oder dieses Morden zumindest nicht versuchten zu verhindern. Auf dem Weg alo zu einem lebendigeren Sich-Erinnern wäre also Spurensuche ein wichtigeres Stichwort als Pädagogisierung. Wer sich darauf einlässt, der wird schnell merken, wie groß die eignen Hemmungen sein können, in der eigenen Familiengeschichte nachzuforschen, die eigenen Angehörigen wirklich zu befragen. Wie in einem selbst diese Täterschutzmechanismen wirksam werden: Man möchte ja niemandem wehtun, man möchte niemanden verletzen usw., also will man lieber schnell diese Gespräche abbrechen und in ein unpersönlicheres Thema ausweichen.

Diese Täterschutzmechanismen, die in einem drinstecken - das kann ich jetzt aber nur noch behaupten und nicht mehr ausführen - sind es wohl auch, die uns dann betreten schweigen lassen, wenn sich in der öffentlichen Diskussion wieder einmal ein Antisemit lang und breit äußert, wo man nur betreten zuhört, anstatt einzuschreiten. Wir haben Das haben wir in der Familie gelernt: zu schweigen, nicht nachzufragen, jemanden nicht festzulegen. Die Regeln der "Solidargemeinschaft der Schuld", in der wir alle drinstecken, wurde den Angehörigen der zweiten und dritten Generation schon mit der Muttermilch eingeflößt. Als letzten Satz möchte ich zitieren, was meine Kollegin Katharina Kellenbach dazu gesagt hat.

"Die Nachkommen sind in die Solidargemeinschaft der Schuld hineingeboren und akzeptieren deren Regeln zumeist unhinterfragt: Man verabscheut und verurteilt die NS-Verbrechen und fühlt sich vage schuldig. Aber man respektiert den Schleier des Schweigens, der über den Karrieren der leiblichen und geistigen Väter und Großväter, dem Alltagsleben der Mütter und Großmütter liegt. Gleichzeitig werden die materiellen und geistigen Früchte der ungesühnten Verbrechen übernommen: die arisierten Betriebe und die medizinischen Forschungserkenntnisse, die Immobilien und Profite durch unentschädigte Zwangsarbeit. Auch die kleineren Erbstücke werden dankend und unhinterfragt angenommen: die schönen Möbel, Schmuck und Kunstgegenstände in Privat- und öffentlichem Museenbesitz oder antiquarische Bücher. Wer möchte schon genauer wissen, wie sie in den familiären, städtischen, kirchlichen oder staatlichen Besitz kamen? Jede Frage, die nicht gestellt wird, verstrickt tiefer in die Solidargemeinschaft der Schuld. Jede präzise Antwort führt einen Schritt aus der Schuldverstrickung heraus. Das Vermächtnis ungesühnter Verbrechen wird durchbrochen, wo die Regeln der Solidarität der Schuld nicht mehr akzeptiert werden. Wenn die Täter auf ihre persönlichen Taten hin befragt und individuell haftbar gemacht werden, dann verändert sich der Diskurs und führt aus der Debatte um Schuld und Vergebung hinaus." (21)

LITERATUR:

  • (1)Das ist die Hoffnung. Hellmut Traub, Die Verantwortung des Christen heute (1946), in: ders., "Unerschrocken zur Zeit oder Unzeit". Beobachtungen eines Predigers, Zeugen und Lehrers zur kirchlichen Zeitgeschichte, hg. von H.-G. Ulrichs, Wuppertal 1997, S. 97-118, hier S. 101.
  • (2)Die deutschen Bischöfe, Gemeinsamer Hirtenbrief nach beendetem Krieg, 23. August 1945, zit. nach: R. Rendtorff/H.H. Henrix (Hg.), Die Kirchen und das Judentum. Dokumente von 1945-1985, Paderborn/München 1989, S. 235.
  • (3)Konrad Adenauer an Pastor Dr. Bernhard Custodis in Bonn am 23. Februar 1946, zit. nach: G. Denzler/V. Fabricius (Hg.), Die Kirchen im Dritten Reich. Christen und Nazis Hand in hand? Bd. 2, Frankfurt am Main 1984, S. 255.
  • (4)Zit. nach A. I. Katsh (Hg.), Buch der Agonie. Das Warschauer Tagebuch des Chaim A. Kaplan, Frankfurt am Main 1967, S. 124.
  • (5)Ebd., S. 398.
  • (6)Eugène Heimler, Bei Nacht und Nebel, Berlin 1993, S. 152 f.
  • (7)Zit. nach H.G. Adler (Hg.), Auschwitz. Zeugnisse und Berichte, Frankfurt am Main 41988, S. 77
  • (8)Primo Levi, Die Untergegangenen und die Geretteten, München/Wien 1990, S. 83.
  • (9)Robert Antelme, Das Menschengeschlecht, München 1978, S. 7.
  • (10)Elie Wiesel, Die Massenvernichtung als literarische Inspiration, in: E. Kogon/J.B. Metz (Hg.), Gott nach Auschwitz. Dimensionen des Massenmords am jüdischen Volk, Freiburg u.a. 1979, S. 21-50, hier S. 26.
  • (11)Elie Wiesel, Glauben oder nicht glauben, in: ders., Macht Gebete aus meinen Geschichten. Essays eines Betroffenen, Freiburg u.a. 1986, S. 7-23, hier S. 20f.
  • (12)Ebd., S. 20.
  • (13)Elie Wiesel in: E. Schuster/R. Boschert-Kimmig, Trotzdem hoffen. Mit Johann Baptist Metz und Elie Wiesel im Gespräch, Mainz 1993, S. 89.
  • (14)Elie Wiesel, Plädoyer für die Toten, in: ders., Gesang der Toten, München/Esslingen 1968, S. 155-178, hier S. 161ff.
  • (15)Elie Wiesel, Glauben oder nicht glauben, aaO., S. 21f.
  • (16)Maurice Blanchot, L'Ecriture du désastre, zit. n. Sarah Kofman, Erstickte Worte, Wien 1988, S. 11.
  • (17)Hanna Mandel, Frei werden. Gespräche über das Leben vor und nach Auschwitz, aufgezeichnet von Norbert Reck (in Vorbereitung: 2005).
  • (18)Viola Roggenkamp, "Ich habe gedacht, vielleicht schaffst du es." Zum Tode von Ignatz Bubis, in: Krautgarten. Journal, Nr. 35, www.krautgarten.de.
  • (19)Norbert Reck, Sich erinnern, aaO., S. 290.
  • (20)Britta Jüngst, Auf der Seite des Todes das Leben. Auf dem Weg zu einer christlich-feministischen Theologie nach der Shoah, Gütersloh 1996, S. 179.
  • (21)Katharina von Kellenbach, Theologische Rede von Schuld und Vergebung als Täterschutz, in: K.v. Kellenbach/B. Krondorfer/N. Reck (Hg.), Von Gott reden im Land der Täter. Theologische Stimmen der dritten Generation seit der Shoah, Darmstadt 2001, S. 46-67, hier S. 63f.
   
 
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